Zwei Jahre im Verborgenen der Namib-Wüste
Wie zwei deutsche Geologen 1940 lieber in der Wüste verschwanden, als sich internieren zu lassen — und welches Buch aus ihrer Flucht entstand.
Es gibt Geschichten, die klingen zu verrückt, um wahr zu sein – und genau deshalb lassen sie einen nicht mehr los. Die von Henno Martin und Hermann Korn gehört dazu. Zwei junge deutsche Geologen, frisch promoviert, wandern 1935 nach Südwestafrika aus, dem heutigen Namibia. Fünf Jahre später verschwinden sie freiwillig in der Wüste, mit einer Pistole, einer Schrotflinte und einem Hund namens Otto im Gepäck – und tauchen erst zweieinhalb Jahre später wieder auf.
Wer im Kuiseb Canyon unterwegs ist, stößt früher oder später auf ihre Spuren. Und wer einmal ihr Buch „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ gelesen hat, sieht die Namib mit anderen Augen.
Wenn dir diese Geschichten etwas bedeuten
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Zwei Geologen auf der Flucht vor Nazi-Deutschland
Henno Martin, geboren 1910 in Freiburg, und Hermann Korn, drei Jahre älter und aus Seggerde in Sachsen-Anhalt stammend, lernten sich als Studenten in Bonn kennen, beide Doktoranden bei Hans Cloos. Als Hitler in Deutschland an die Macht kam, entschieden sich die beiden Freunde, dem Land den Rücken zu kehren. 1935 brachen sie nach Südwestafrika auf – ohne staatlichen Forschungsauftrag, einfach aus eigenem Antrieb. In der Bucht von Walvis Bay angekommen, begannen sie mit der geologischen Kartierung des Naukluftgebirges und suchten im Auftrag von Farmern nach Wasservorkommen. Es war Pionierarbeit in einem Gebiet, das damals noch kaum erforscht war.
Der Plan: Verschwinden, bevor man interniert wird
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs änderte sich alles. Die südafrikanische Mandatsverwaltung begann, deutschstämmige Männer als „feindliche Ausländer“ in Lagern zu internieren. Für Henno Martin und Hermann Korn war das keine Option. Sie hatten Deutschland verlassen, weil sie mit dem Regime nichts zu tun haben wollten – und sahen nicht ein, warum sie nun für einen Krieg büßen sollten, den sie selbst ablehnten.
Also schmiedeten sie einen tollkühnen Plan. Am 25. Mai 1940 packten sie zwei Fahrzeuge, hinterließen bewusst falsche Spuren in ihrem Haus in Windhoek und fuhren scheinbar Richtung Brandberg los. Bei Einbruch der Dunkelheit bogen sie ab, fuhren fortan nur noch nachts, um aus der Luft nicht entdeckt zu werden, und verschwanden schließlich in einem Labyrinth aus Schieferschluchten im oberen Einzugsgebiet des Kuiseb-Flusses.
Mit dabei: Hermanns Hund Otto, ein Kurzwellenempfänger als einzige Verbindung zur Außenwelt – und keinerlei Jagdausrüstung außer Pistole und Schrotflinte. Kuiseb Canyon, Mai 1940
Leben wie in der Steinzeit
Was folgte, waren zweieinhalb Jahre in völliger Isolation. Die beiden Männer bezogen im Lauf der Zeit drei verschiedene Unterschlupfe, je nachdem, wo gerade Wasser und Wild zu finden waren. Der erste, eine natürliche Höhle in der Kalkkruste des Canyons, ist heute als „Henno Martin & Hermann Korn Shelter“ auf Wanderkarten verzeichnet. Später zogen sie weiter nach Nausgomab, wo mehr Oryx-Antilopen zu finden waren und wo sie sich sogar eine einfache Regenwasser-Auffangkonstruktion aus den Felsen bauten. Die dritte Station war ein Ort namens Baboon’s Hole.
Ihr Alltag bestand aus Jagen, dem mühsamen Auffinden von Wasserstellen und endlosen Gesprächen über Philosophie, Naturwissenschaft und die Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht. Gerade diese Mischung aus nacktem Überlebenskampf und intellektuellem Austausch macht das spätere Buch so besonders. Die beiden bewunderten die Wüste, die sie umgab, genauso sehr, wie sie unter ihr litten – um selbst zu überleben, mussten sie die Tiere töten, die sie eigentlich bewunderten.
Wie es mit den beiden weiterging
Hier nimmt die Geschichte noch einmal eine Wendung, die viele Leser überrascht. Hermann Korn arbeitete nach dem Krieg wieder in der Wassererschließung – starb jedoch bereits 1946, keine vier Jahre nach der Rückkehr aus der Wüste, bei einem Autounfall nahe Windhoek. Sein Grab befindet sich auf dem Windhoeker Hauptfriedhof. Seine Aquarelle aus der Wüstenzeit wurden erst Jahrzehnte später posthum veröffentlicht.
Henno Martin dagegen machte eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere. Er leitete zwanzig Jahre lang den Geologischen Dienst Namibias und war maßgeblich daran beteiligt, Windhoek erstmals mit einer zuverlässigen, großflächigen Wasserversorgung auszustatten – eine schöne Volte, wenn man bedenkt, womit seine Karriere einst begann. Später lehrte er an der University of Cape Town, hielt eine Gastprofessur in São Paulo und wurde 1965 schließlich Ordinarius für Geologie an der Universität Göttingen, wo er 1998 im Alter von 87 Jahren starb.
Das Buch: „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“
Sein Erlebnisbericht, den er anhand seiner Tagebücher und Erinnerungen für seine Frau verfasste, erschien 1956 erstmals unter diesem Titel und trägt den treffenden Untertitel „Eine Robinsonade in der Namib“. International wurde es unter dem Titel The Sheltering Desert bekannt und zählt bis heute zu den großen Klassikern der namibischen Literatur.
Was das Buch so besonders macht, ist genau jene Mischung, die auch den Alltag der beiden prägte: eindrückliche, sehr konkrete Schilderungen von Jagd, Wassersuche und improvisierten Unterkünften, durchzogen von philosophischen Reflexionen über Mensch und Natur. Wer erwartet, einen klassischen Abenteuerroman zu lesen, wird von den nachdenklichen Passagen überrascht – und umgekehrt. Manche Ansichten aus den 1940er-Jahren wirken aus heutiger Sicht befremdlich, was bei einem über achtzig Jahre alten Buch aber kaum verwundert.
Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste
Henno Martin
Der Originalbericht über die zweieinhalb Jahre im Kuiseb Canyon — Pflichtlektüre für jede Namibia-Reise.
Bei Amazon ansehenDer Film zur Geschichte
Wer die Geschichte lieber in bewegten Bildern erleben möchte: Auf YouTube gibt es eine Dokumentation, die die Ereignisse rund um Henno Martin und Hermann Korn nacherzählt und Originalschauplätze zeigt.
Video: YouTube
Die Spuren heute besuchen
Wer selbst durch Namibia reist, kann den Schauplätzen des Buches nachspüren. Die bekannteste Stelle, der „Henno Martin & Hermann Korn Shelter“, liegt an der C14, kurz nachdem man den Kuiseb-Pass in Richtung Walvis Bay überquert hat – ausgeschildert, aber leicht zu übersehen, wenn man nicht gezielt danach sucht. Von der Hauptstraße führt eine unbefestigte Piste direkt in den Canyon hinein, und ein kurzer Fußweg bringt einen zur ehemaligen Feuerstelle der beiden. Die karge, an manchen Stellen fast unwirkliche Schönheit des Kuiseb Canyons lässt sich hier hautnah erleben – und man versteht auf einmal viel besser, wie zwei Menschen hier tatsächlich zweieinhalb Jahre überleben konnten.
Fazit
Die Geschichte von Henno Martin und Hermann Korn ist mehr als eine kuriose Fußnote der namibischen Geschichte. Sie erzählt davon, wie weit Menschen gehen, um ihren eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, und davon, was die Wüste mit einem macht, wenn man ihr wirklich ausgeliefert ist. Wer als nächstes durch Namibia reist, sollte „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ definitiv ins Reisegepäck packen – und vielleicht sogar den Umweg zum Kuiseb Canyon einplanen.