Eine Nacht voller Ratten, Bettwanzen und Herzlichkeit: Wie eine Busfahrt von Soyo nach Luanda zu einem der schönsten Reiseerlebnisse wurde
Manche Reiseerlebnisse klingen, wenn man sie erzählt, wie der reinste Albtraum. Bettwanzen. Ratten. Kakerlaken. Ein Kurzschluss mitten in der Nacht. Eine Toilette ohne Wasser. Und trotzdem – wenn ich an diese Nacht in der Busagentur irgendwo zwischen Soyo und Luanda zurückdenke, dann fühle ich vor allem eines: Wärme.
Das ist die Geschichte einer Busfahrt, die eigentlich nur ein paar Stunden dauern sollte und am Ende zu einem der intensivsten, menschlichsten Erlebnisse meiner gesamten Reise durch Angola wurde. Setz dich dazu – diese Geschichte hat ein bisschen was von Slapstick, ein bisschen Horror und sehr, sehr viel Herz.
Der Start: Drei Uhr nachmittags, und plötzlich steht der Bus
Reisen abseits der Touristenpfade in Afrika bedeutet vor allem eines: Zeitpläne sind Vorschläge, keine Zusagen. Das wusste ich, als ich in Soyo in den Bus nach Luanda stieg. Was ich nicht wusste, war, dass ich diese Lektion an diesem Tag besonders intensiv lernen würde.
Wenn dir diese Geschichten etwas bedeuten
The Oddity Expedition entsteht langsam — zwischen staubigen Straßen, langen Busfahrten, kleinen Grenzorten und den stillen Momenten dazwischen.
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Es war ungefähr drei Uhr nachmittags, als der Bus einfach… stehen blieb. Nicht wegen einer Panne. Sondern weil die Fahrer beschlossen, dass es jetzt erst mal nicht weitergeht. „Wir fahren um sieben Uhr abends weiter“, hieß es.
Vier Stunden Pause, mitten am Nachmittag, ohne Vorwarnung. Im Bus brach sofort eine Welle der Aufregung aus – Diskussionen, Seufzen, ein paar lautere Stimmen. Ich drehte mich zu meinem Sitznachbarn und sagte etwas wie: „Das ändert sich bestimmt nochmal.“ Denn das ist meine Erfahrung mit solchen Ankündigungen in Westafrika und Zentralafrika: Sie sind selten final.
Und tatsächlich – kaum hatten sich einige Passagiere auf den Weg gemacht, um in der Nähe etwas zu essen oder Verwandte zu besuchen, änderte sich der Plan wieder. Plötzlich sollte es doch früher weitergehen. Was wiederum bedeutete: Jetzt mussten wir auf die warten, die losgezogen waren.
Kennst du dieses Gefühl, wenn ein Plan sich gefühlt fünf Mal in zwei Stunden ändert, und am Ende lacht man einfach nur noch? Genau so saß ich da – mitten in diesem herrlich chaotischen Tanz aus Abfahrt, Verspätung, Planänderung und wieder Verspätung. Und ich muss sagen: Es hatte etwas Schönes. Diese kollektive Gelassenheit, mit der alle anderen Passagiere das hinnahmen. Niemand schien wirklich überrascht. Es war einfach… so, wie Reisen hier manchmal ist.
Die Ankunft: Spät in der Nacht, ohne Plan
Irgendwann ging es dann tatsächlich los, und wir fuhren durch die Nacht – stundenlang, durch die Dunkelheit Angolas, vorbei an Lichtern, die in der Ferne aufblitzten und wieder verschwanden. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, bei der Ankunft in Luanda direkt zu meinem Campingspot zu fahren, oder notfalls ein Taxi zu nehmen.

Aber als wir endlich ankamen, war es bereits tief in der Nacht. Die Straßen waren leer, dunkel, und ich war – seien wir ehrlich – mit meinem Hund, meinem Gepäck und meiner Müdigkeit nicht in der besten Verfassung, um jetzt noch eine längere Tour durch eine unbekannte Stadt zu organisieren.
Und dann kam der Vorschlag, der diese Nacht zu etwas ganz Besonderem machen sollte: „Warum schläfst du nicht einfach hier, bei der Busagentur? Hier schlafen alle.“
„Hier schlafen alle“ – Eine Einladung, die ich nicht erwartet hatte
Ich erinnere mich genau an den Moment, in dem dieser Satz fiel. Er kam so selbstverständlich, so beiläufig, als wäre es die normalste Sache der Welt. Und für die Menschen, die diesen Satz sagten, war es das auch.
Ich schickte schnell eine Nachricht an den Besitzer meines geplanten Campingspots, dass ich später kommen würde. Und dann traf ich eine Entscheidung, die ich im Nachhinein als eine der besten dieser ganzen Reise bezeichnen würde: Ich blieb.

Hast du schon einmal eine spontane Entscheidung getroffen, bei der ein Teil von dir sofort wusste „das wird unbequem“, aber ein anderer Teil sagte „genau das willst du doch – echte Begegnungen, echtes Leben, abseits der Touristenrouten“? So fühlte sich dieser Moment für mich an.
Die Halle der Busagentur: Zwischen Matratzen, Mäusen und Menschlichkeit
Was dann folgte, war eine Nacht, die ich so schnell nicht vergessen werde – und die mich in fast jeder Hinsicht aus meiner Komfortzone katapultiert hat.
Es wurden Matratzen gebracht. Alte Matratzen. Wirklich alte. Matratzen, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass sie eigentlich schon längst hätten entsorgt werden sollen. Aber für die Menschen hier waren sie offensichtlich völlig normal – ein fester Bestandteil dieser improvisierten Übernachtungsmöglichkeit, die regelmäßig genutzt wird.
Und dann die Realität dieser Matratzen: Bettwanzen. Über die Matratze wurde eine Decke gelegt – eine Art improvisierter Schutz, „damit es nicht so juckt“, wie es mir erklärt wurde. Ich lag also auf einer Matratze voller Bettwanzen, mit einer dünnen Decke als einzige Barriere, und versuchte, mein europäisches Hygienebewusstsein für eine Nacht komplett auszuschalten.
Und dann waren da die Ratten und Mäuse. Überall. Wirklich überall – unter den Sitzen, zwischen dem Gepäck, in den Ecken des Raumes. Ich hörte sie, bevor ich sie sah, und als ich sie sah, realisierte ich schnell: Sie hatten ein Auge auf meinen Rucksack geworfen.

Ich gebe es offen zu – ich habe rumgeschlagen, rumgebrüllt, alles, was man halt tut, wenn man plötzlich Ratten an seinem Rucksack entdeckt. Am Ende stellten wir – ich und ein paar der anderen Reisenden – meinen Rucksack gemeinsam in die Mitte des Raumes. Denn in den Ecken, wo das ganze Gepäck der Händler lagerte, tummelten sich Ratten und Kakerlaken in einer Selbstverständlichkeit, die für die anderen offenbar völlig normal war.
War das schrecklich? Ja. War das ein Abenteuer? Definitiv. War es beides gleichzeitig? Absolut.
Eine Matratze für fünf: Wie aus Fremden Mitschlafende wurden
Was diese Nacht für mich besonders unvergesslich gemacht hat, war nicht nur das, was um mich herum passierte – sondern wer um mich herum war.
Auf einer Matratze schliefen zwei Frauen mit ihren zwei Kindern. Auf meiner Matratze – zwei Männer, ich und mein Hund. Ja, du hast richtig gelesen: mein Hund durfte mit auf die Matratze. Das ist, wie mir klar war, alles andere als selbstverständlich. Aber die Männer, die sich die Matratze mit mir teilten, sagten einfach: „Okay, kein Problem.“
Diese Selbstverständlichkeit, mit der hier geteilt wird – Platz, Matratzen, Raum, sogar die Nähe zu einem fremden Hund – hat mich tief beeindruckt. Es waren Händler, Menschen, die regelmäßig zwischen Soyo, Cabinda und Luanda reisen, um Waren zu transportieren und zu verkaufen. Für sie war diese Nacht in der Busagentur nichts Außergewöhnliches. Es ist Routine. Ein Teil ihres Alltags, ihrer Arbeit, ihres Lebens.

Für mich war es eine Lektion in Gastfreundschaft, die ich so vorher nicht erlebt hatte. Menschen, die selbst kaum etwas hatten – eine alte Matratze, einen Platz auf dem Boden – teilten diesen wenigen Komfort, den sie hatten, ohne zu zögern, mit einer fremden Reisenden und ihrem Hund.
Die Nacht selbst: Zwischen Angst, Erschöpfung und tiefem Schlaf
Am Anfang konnte ich kaum einschlafen. Die Geräusche der Ratten, das Jucken, das ich mir vermutlich zu großen Teilen einbildete (und zu kleinen Teilen vermutlich nicht), die fremde Umgebung, die fremden Menschen um mich herum – all das hielt mich wach.
Aber Müdigkeit ist ein mächtiger Gegner für Unbehagen. Irgendwann, nach Stunden des Wachliegens, fiel ich in einen tiefen, festen Schlaf. Ein Schlaf, der mich überraschte – denn unter „normalen“ Umständen hätte ich gedacht, dass ich in dieser Umgebung kein Auge zubekommen würde.
In dieser Nacht ereignete sich noch ein weiteres kleines Drama: Irgendjemand hatte eine defekte Steckdose zum Aufladen seines Telefons verwendet. Es gab einen kurzen Kurzschluss – ein kleines Feuer, glücklicherweise schnell unter Kontrolle. Danach war der Strom komplett weg.
Und ich? Ich habe geschlafen. Tief und fest. Manchmal ist Erschöpfung der beste Filter für Chaos.
Was die sanitären Verhältnisse betrifft: In einer Art Abstellkammer gab es eine Toilette. Die Spülung funktionierte nicht, es gab kein Wasser. Aber ehrlich gesagt – in diesem Moment war mir das herzlich egal. Hauptsache, es gab überhaupt eine Möglichkeit. Manchmal sind die Standards, die wir zu Hause für selbstverständlich halten, in der Realität viel verhandelbarer, als wir denken.
Der nächste Morgen: Vom Ghetto direkt in den Luxus
Am nächsten Morgen passierte etwas, das diese ganze Erfahrung für mich noch einmal auf eine andere Ebene gehoben hat. Die Menschen, mit denen ich diese chaotische, unbequeme, an Grenzen gehende Nacht verbracht hatte, setzten sich für mich ein. Sie organisierten eine günstige Transportmöglichkeit zu meinem eigentlichen Campingspot.
Und dieser Campingspot? Der reinste Luxus im Vergleich zur Nacht zuvor.
Dieser Kontrast – von einer Nacht voller Ratten, Bettwanzen und geteilter Matratzen direkt in eine komfortable, fast schon luxuriöse Umgebung – ist etwas, das ich auf dieser Reise immer wieder erlebe. Diese extremen Gegensätze, die so nah beieinander liegen. Ich komme überall hin, sagt man so schön – und tatsächlich: von einem Extrem ins andere, manchmal innerhalb weniger Stunden.
Was bleibt: Nicht die Ratten, sondern die Menschen
Wenn ich heute an diese Nacht zurückdenke, sind es nicht die Bettwanzen, die mir als Erstes in den Sinn kommen. Es sind nicht die Ratten, nicht der Kurzschluss, nicht die fehlende Wasserspülung.
Es sind die Menschen.
Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie mir – einer fremden Reisenden mit einem Hund – einen Platz auf ihrer Matratze angeboten haben. Es ist die Sorglosigkeit, mit der sie mit Umständen umgehen, die für mich eine echte Herausforderung waren, für sie aber einfach Alltag sind. Es ist die Fürsorge am nächsten Morgen, als sie sich darum bemühten, dass ich gut und günstig weiterkomme.
Begegnungen auf Reisen sind manchmal genau das: nicht die perfekten, geplanten Momente, sondern die chaotischen, ungeplanten, unbequemen – die uns am Ende am meisten geben.
Fazit: Warum diese Nacht zu einem meiner Lieblingserlebnisse wurde
Ich werde nicht sagen, dass ich diese Nacht noch einmal genauso erleben möchte. Bettwanzen und Ratten gehören nicht zu meinen bevorzugten Schlafgesellschaften, das nur als ehrliche Randnotiz.

Aber wenn ich zurückblicke, überwiegt eines ganz klar: das Gefühl, willkommen gewesen zu sein. Das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft gewesen zu sein – wenn auch nur für eine Nacht. Das Gefühl, dass Gastfreundschaft nicht von Komfort abhängt, sondern von der Bereitschaft, das Wenige, das man hat, zu teilen.
Reisen abseits der Touristenpfade bedeutet, sich auf solche Situationen einzulassen. Es bedeutet, die eigenen Grenzen zu spüren – und manchmal über sie hinauszugehen. Und es bedeutet, am Ende festzustellen, dass die unbequemsten Nächte oft die sind, die uns am meisten über das Leben, über Menschen und über uns selbst lehren.
Diese Nacht in der Busagentur zwischen Soyo und Luanda war chaotisch, unangenehm, an manchen Stellen regelrecht beängstigend. Und gleichzeitig war sie eine der herzlichsten, menschlichsten Erfahrungen meiner gesamten Reise durch Angola.
Manchmal liegt zwischen Horror und Herzlichkeit nur eine dünne Decke über einer alten Matratze.
Hast du selbst schon einmal eine Übernachtung erlebt, die alles andere als komfortabel war – aber trotzdem unvergesslich schön? Erzähl mir gerne in den Kommentaren von deiner Erfahrung.