Über Illusionen, unterschiedliche Blickwinkel und die Frage, was uns wirklich wichtig ist.
Manchmal frage ich mich, wie oft wir uns ein anderes Leben wünschen, ohne überhaupt zu wissen, wie es sich anfühlt, dieses Leben tatsächlich zu führen.
Wir sehen jemanden am Strand, der mit seinem Laptop arbeitet. Wie schön, denken wir. Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das Meer vor Augen, die Sonne auf der Haut und die Freiheit, überall auf der Welt zu Hause sein zu können.
Aber vielleicht blendet die Sonne auf dem Bildschirm. Vielleicht ist es zu laut, um sich zu konzentrieren. Vielleicht versucht dieser Mensch seit einer Stunde, eine einzige Aufgabe zu erledigen, während die anderen längst im Wasser sind.
Ein paar Meter weiter steht ein Kellner. Er serviert Getränke, beobachtet die Menschen im Meer und denkt vielleicht, wie wunderbar es wäre, einfach mit dem Laptop am Strand zu sitzen und sein eigener Herr zu sein.
Der eine beneidet die Freiheit des anderen. Der andere vielleicht dessen scheinbare Unabhängigkeit.
Und beide sehen vor allem das, was sie sich selbst darunter vorstellen.
Wir sehen ein Bild und machen eine Geschichte daraus
Das passiert nicht nur am Strand.
In einem Camp können wir ein Zelt aufstellen, ein Bett im Schlafsaal buchen oder ein eigenes Zimmer nehmen. Drei Möglichkeiten, drei unterschiedliche Preise. Und doch können alle Menschen am selben Ort sein, dieselbe Küche benutzen, am selben Tisch sitzen und den gleichen Garten genießen.
Trotzdem entstehen in unseren Köpfen schnell Geschichten.
Wer ein Zimmer hat, kann es sich leisten. Wer im Zelt schläft, muss vielleicht sparen. Wer sich etwas Teures gönnt, lebt möglicherweise im Luxus. Wer einfach lebt, ist vielleicht besonders frei.
Aber woher wissen wir das eigentlich?
Vielleicht hat die Person im Zimmer lange dafür gearbeitet und spart an anderer Stelle. Vielleicht hat die Person im Zelt ganz bewusst entschieden, ihr Geld lieber für Reisen auszugeben. Vielleicht würde jemand, der im Schlafsaal schläft, das Geld für ein Zimmer lieber für etwas ganz anderes verwenden.
Wir sehen die Entscheidung eines Menschen. Aber wir kennen selten die Gedanken, die dahinterstehen.
Und noch weniger kennen wir die Dinge, auf die dieser Mensch dafür verzichtet.
Manchmal beneiden wir nicht das Leben, sondern unsere Vorstellung davon
Einmal begegnete mir ein Sicherheitsmitarbeiter, der mir erzählte, dass er gerne reisen würde. Er beneidete mich darum, dass ich unterwegs sein konnte.
Von außen betrachtet war das verständlich. Ich konnte neue Orte entdecken, andere Menschen kennenlernen und meinen Alltag immer wieder verändern.
Aber in diesem Moment dachte ich auch darüber nach, wie ähnlich unsere Situationen eigentlich waren.
Wir waren beide an einem Ort, an dem wir uns etwas zu essen machen oder einkaufen konnten. Wir hatten beide unseren Alltag. Nur bekam er für seine Arbeit Geld und musste dafür an diesem Ort bleiben. Ich bezahlte dafür, dort sein zu können, und musste mir mein Geld auf andere Weise verdienen.
Er sah meine Freiheit. Ich sah auch die Vorteile seiner Situation.
Vielleicht stellte er sich meine Reisen einfacher vor, als sie waren. Vielleicht sah ich die Sicherheit seiner Arbeit deutlicher als die Einschränkungen, die damit verbunden waren.
Wir blickten auf dasselbe Leben, aber aus zwei verschiedenen Richtungen.
Und vielleicht hätten wir beide etwas beneidet, das der andere gar nicht so empfand, wie wir es uns vorstellten.
Wir vergleichen unser Inneres mit dem Äußeren anderer
Das ist vermutlich einer der Gründe, warum Vergleiche so trügerisch sein können.
Wir kennen unsere eigenen Zweifel, unsere Anstrengungen, unsere Sorgen und die kleinen Dinge, die uns im Alltag stören. Wir wissen, was uns etwas kostet – nicht nur finanziell, sondern auch an Zeit, Kraft und manchmal an Nerven.
Bei anderen sehen wir dagegen oft nur das Ergebnis.
Wir sehen die Reise, nicht die Arbeit, die sie finanziert. Das schöne Zuhause, nicht unbedingt die Verpflichtungen, die damit verbunden sind. Die vermeintliche Freiheit, nicht die Unsicherheit, die sie vielleicht begleitet.
Unser eigenes Leben kennen wir mit allen Einzelheiten. Das Leben der anderen betrachten wir durch ein Fenster.
Und durch dieses Fenster sieht vieles anders aus.
Vielleicht beneiden wir deshalb manchmal nicht das, was uns tatsächlich fehlt. Vielleicht beneiden wir vielmehr eine Geschichte, die wir uns über das Leben eines anderen erzählen.
Eine Geschichte, in der alles leichter, schöner oder freier erscheint als in unserem eigenen Alltag.
Doch diese Geschichte muss mit der Wirklichkeit gar nicht viel zu tun haben.
Was hat das mit unseren Prioritäten zu tun?
Sehr viel, glaube ich.
Denn wenn wir uns ständig an anderen orientieren, kann es passieren, dass wir Wünsche entwickeln, die eigentlich gar nicht unsere eigenen sind.
Wir sehen jemanden mit einem großen Haus und fragen uns, warum wir selbst nicht so etwas haben. Wir sehen jemanden, der ohne festen Wohnsitz reist, und fragen uns, warum wir nicht mutiger sind. Wir sehen jemanden mit einem sicheren Job und wünschen uns Stabilität. Und wenn wir diese Stabilität haben, träumen wir vielleicht von mehr Freiheit.
Wir bewegen uns gedanklich von einem Leben ins nächste.
Dabei übersehen wir manchmal eine ganz einfache Frage: Will ich das wirklich – oder gefällt mir nur die Vorstellung davon?
Natürlich gibt es Dinge, die wir tatsächlich brauchen. Essen, einen sicheren Schlafplatz, Schutz, Gesundheit und Menschen, auf die wir uns verlassen können, sind keine Illusionen. Auch Geldsorgen, fehlende Möglichkeiten und schwierige Lebensumstände lassen sich nicht einfach mit einem anderen Blickwinkel wegdenken.
Aber jenseits unserer Grundbedürfnisse unterscheiden sich unsere Wünsche. Und nicht jeder Wunsch, den wir bei anderen entdecken, passt auch zu uns.
Vielleicht möchten wir gar kein großes Haus, sondern nur einen Ort, an dem wir uns wohlfühlen. Vielleicht wollen wir gar nicht ständig unterwegs sein, sondern einfach wissen, dass wir jederzeit gehen könnten. Vielleicht brauchen wir keine Freiheit von allen Verpflichtungen, sondern mehr Einfluss darauf, wie wir unsere Zeit verbringen.
Das sind unterschiedliche Dinge. Und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten.
Wir können nicht alle Wege gleichzeitig gehen
Unser Leben besteht aus Entscheidungen. Manche treffen wir bewusst, andere ergeben sich aus unseren Umständen. Und nicht jeder Mensch hat die gleichen Möglichkeiten.
Trotzdem bleibt eine Tatsache: Wir können nicht jeden Weg gleichzeitig gehen.
Wir können nicht zur selben Zeit in Wien und in Rom sein. Wir können nicht jede Reise machen, jeden Beruf ausprobieren, jeden Ort kennenlernen und jede denkbare Lebensform selbst erfahren.
Entscheiden wir uns für etwas, entscheiden wir uns damit häufig auch gegen etwas anderes – zumindest für eine gewisse Zeit.
Das bedeutet nicht, dass wir uns für immer festlegen müssen. Manches lässt sich später nachholen, verändern oder neu beginnen. Aber unsere Zeit, unsere Energie und unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt.
Deshalb ist es hilfreich, zu wissen, was uns wirklich wichtig ist.
Nicht, weil es eine richtige Reihenfolge für ein gutes Leben gäbe. Sondern weil wir sonst Gefahr laufen, unsere Entscheidungen an Bildern auszurichten, die wir von anderen Menschen haben.
Vielleicht sparen wir auf etwas, das uns am Ende gar nicht so glücklich macht. Vielleicht verzichten wir auf etwas, das uns viel bedeuten würde, weil wir glauben, etwas anderes erreichen zu müssen. Vielleicht jagen wir einem Ideal hinterher, das wir nie hinterfragt haben.
Und vielleicht merken wir erst spät, dass wir uns ein Leben gewünscht haben, das wir in Wirklichkeit gar nicht führen wollten.
Vielleicht beneidet uns jemand um genau das, was wir selbstverständlich finden
Es ist merkwürdig: Wir können auf unser eigenes Leben schauen und vor allem das sehen, was uns fehlt. Jemand anderes könnte auf dasselbe Leben schauen und etwas entdecken, das er sich selbst wünscht.
Das bedeutet nicht, dass unser Leben deshalb perfekt ist. Es bedeutet auch nicht, dass wir mit allem zufrieden sein müssen.
Aber es zeigt, wie unterschiedlich wir dieselbe Wirklichkeit betrachten können.
Was für den einen Freiheit bedeutet, ist für den anderen Unsicherheit. Was für den einen Sicherheit ist, fühlt sich für den anderen nach Einschränkung an. Was für den einen Verzicht bedeutet, ist für den anderen eine bewusste Entscheidung zugunsten von etwas, das ihm wichtiger ist.
Wir können von außen kaum beurteilen, was sich für einen anderen Menschen richtig anfühlt.
Und vielleicht müssen wir das auch gar nicht.
Was würde ich mir wünschen, wenn ich niemanden vergleichen könnte?
Vielleicht beginnt es genau hier: bei der Frage, was wir selbst eigentlich möchten, wenn wir einmal nicht darauf schauen, wie andere leben.
Nicht darauf, was gesellschaftlich als Erfolg gilt. Nicht darauf, was beneidenswert aussieht. Und auch nicht darauf, was andere für die bessere Entscheidung halten.
Sondern darauf, was uns persönlich wichtig ist.
Wie möchten wir unsere Zeit verbringen? Was gibt uns Sicherheit? Was bedeutet Freiheit für uns? Worauf würden wir gerne verzichten, und was möchten wir auf keinen Fall missen?
Die Antworten müssen nicht spektakulär sein. Sie müssen niemanden beeindrucken. Und sie müssen auch nicht für immer dieselben bleiben.
Vielleicht entdecken wir dabei, dass wir tatsächlich etwas verändern möchten. Vielleicht merken wir, dass wir uns bisher an Vorstellungen orientiert haben, die gar nicht zu uns passen. Oder vielleicht sehen wir manches an unserem bisherigen Leben mit anderen Augen.
Nicht, weil plötzlich alles gut ist. Sondern weil wir beginnen, zwischen unseren eigenen Wünschen und den Bildern zu unterscheiden, die wir uns von anderen machen.
Denn am Ende müssen wir nicht das Leben führen, das von außen am beneidenswertesten aussieht.
Wir müssen mit dem Leben zurechtkommen, das wir tatsächlich führen – mit seinen Möglichkeiten, seinen Grenzen, seinen schönen Seiten und seinen schwierigen Momenten.
Und vielleicht ist es deshalb eine gute Frage, die wir uns hin und wieder stellen können:
Wenn ich nicht wüsste, wie andere Menschen leben, und niemanden um irgendetwas beneiden könnte – was wäre mir in meinem eigenen Leben wirklich wichtig?
Vielleicht finden wir dort nicht die Antwort auf alles.
Aber vielleicht finden wir dort etwas, das viel wertvoller ist als die Vorstellung von einem anderen Leben: eine klarere Vorstellung von unserem eigenen.
Wenn das, was wir lieben, plötzlich nicht mehr zum Erfolg führt
Es gibt eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang besonders spannend finde.
Was wäre, wenn wir plötzlich nicht mehr das tun könnten, wofür wir bisher gelebt haben? Wenn wir etwas, in das wir viel Zeit, Kraft und vielleicht sogar unsere ganze Identität investiert haben, verlieren würden? Und wenn wir es danach nur noch im Kleinen tun könnten – ohne Anerkennung, ohne sichtbaren Erfolg und ohne die Aussicht, jemals wieder dort anzukommen, wo wir einmal waren?
Würden wir es trotzdem tun?
Ich musste dabei an den Film Peaceful Warrior denken. Darin verliert ein junger Turner nach einem schweren Unfall die Möglichkeit, so weiterzumachen wie bisher. Für ihn bricht zunächst eine ganze Welt zusammen. Denn sein Ziel war nicht einfach nur das Turnen. Er wollte gewinnen, zur Spitze gehören und sich seinen Traum erfüllen.
Doch was bleibt von der Liebe zu einer Sache, wenn das große Ziel plötzlich unerreichbar scheint?
Wenn jemand nicht mehr auf der großen Bühne stehen kann, aber vielleicht noch immer Freude an der Bewegung hat? Wenn eine Künstlerin ihre Werke nicht mehr verkaufen kann, aber trotzdem gerne malt? Wenn jemand schreibt, obwohl kaum jemand die Texte liest? Wenn ein Mensch etwas aufbaut, das niemals den Erfolg erreicht, den er sich erhofft hat?
Würde es dann noch etwas bedeuten?
Vielleicht zeigt sich gerade in solchen Momenten, was uns an einer Sache wirklich wichtig ist.
Natürlich ist es schön, wenn unsere Arbeit Früchte trägt. Anerkennung kann uns motivieren, und finanzielle Sicherheit ist für viele Menschen unverzichtbar. Es ist nichts Falsches daran, erfolgreich sein zu wollen. Und nicht jeder kann es sich leisten, etwas nur aus Freude zu tun, wenn damit kein Geld zu verdienen ist.
Aber vielleicht lohnt es sich, zwischen dem zu unterscheiden, was wir lieben, und dem, was wir durch diese Liebe erreichen möchten.
Manchmal hängen wir so sehr an einem bestimmten Ergebnis, dass wir gar nicht mehr bemerken, ob uns der Weg dorthin noch etwas bedeutet. Wir wollen, dass etwas groß wird, dass es sich lohnt, dass andere es sehen. Und wenn all das ausbleibt, fühlt es sich plötzlich an, als wäre auch das, was wir getan haben, wertlos gewesen.
Dabei muss etwas nicht erfolgreich sein, um uns etwas zu bedeuten.
Vielleicht wäre die Frage also nicht nur, was wir tun würden, wenn wir alles verlieren. Sondern auch, was wir heute noch tun würden, wenn uns niemand dafür bewundern würde und wir nichts damit erreichen könnten, was sich nach außen messen lässt.
Vielleicht würden wir manches trotzdem tun. Vielleicht würden wir anderes loslassen. Beides wäre in Ordnung.
Was hat das mit unseren Prioritäten zu tun?
Denn es geht nicht darum, um jeden Preis an etwas festzuhalten. Es geht darum, herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist – und was wir vielleicht nur deshalb so sehr verfolgen, weil wir glauben, dass es uns am Ende zu einem glücklicheren oder wertvolleren Leben macht.
Prioritäten bedeuten nicht, möglichst viel gleichzeitig zu schaffen. Sie bedeuten, bewusst zu wählen, wofür wir unsere begrenzte Zeit und Kraft einsetzen – und wofür nicht. Wer nie priorisiert, überlässt diese Entscheidung den Umständen, den Erwartungen anderer oder dem Zufall.
Vielleicht ist die wichtigste Priorität gar nicht der sichtbare Erfolg, sondern die Frage, ob das, was wir tun, noch zu uns passt. Ob wir es auch dann wählen würden, wenn niemand applaudiert. Ob es uns etwas gibt, das von außen nicht messbar ist.
Und manchmal bedeutet Prioritätensetzung auch, sich einzugestehen, dass sich etwas verändert hat – und dass es in Ordnung ist, einen Weg zu verlassen, der uns nicht mehr entspricht.
Vielleicht ist die Frage wichtiger als die Antwort
Vielleicht werden wir nie endgültig beantworten können, ob wir etwas auch dann tun würden, wenn es keinen Erfolg mehr bringt. Vielleicht hängt die Antwort vom Tag ab, von der Stimmung, von dem, was gerade möglich ist und was nicht.
Aber die Frage selbst kann uns etwas zeigen.
Sie kann uns daran erinnern, dass nicht alles, was wertvoll ist, auch sichtbar sein muss. Dass ein Weg nicht dadurch bedeutungslos wird, weil er nicht mehr nach oben führt. Und dass es keine Niederlage ist, wenn wir etwas kleiner tun, langsamer tun oder anders tun als bisher.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: dass wir uns nicht nur dann als wertvoll erleben müssen, wenn etwas gelingt. Dass wir nicht nur dann weitermachen dürfen, wenn andere es sehen. Und dass die Liebe zu einer Sache nicht verschwinden muss, nur weil sich die Umstände verändert haben.
Vielleicht bleibt am Ende weniger, als wir uns erhofft haben. Vielleicht aber auch etwas, das uns näher ist als der große Erfolg je war.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die zählt: Was würden wir tun, wenn niemand es sähe – und würden wir es dann trotzdem tun?


