Wenn eine Frau allein mit einem Rucksack unterwegs ist, im Zelt schläft, durch fremde Städte geht und Länder bereist, die viele Menschen vielleicht nur aus den Nachrichten kennen, kommt irgendwann fast zwangsläufig dieser Gedanke:
„Dann begibt sie sich ja selbst in gefährliche Situationen.“
Vielleicht.
Aber was bedeutet es eigentlich, sich selbst in Gefahr zu bringen?
Und warum denken wir diesen Satz bei einer alleinreisenden Frau so schnell, während wir bei einer Frau, die seit Jahren am selben Ort lebt, kaum darüber nachdenken?
Ich bin seit Jahren unterwegs und habe dabei bereits Situationen erlebt, die ich nicht unbedingt noch einmal erleben möchte. Situationen, in denen aus einem ganz normalen Tag plötzlich etwas Unberechenbares wurde. Situationen, in denen man sehr schnell entscheiden muss, ob man bleibt oder geht.
Ich möchte gar nicht genau erzählen, wo diese Dinge passiert sind oder was im Einzelnen geschehen ist.
Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe.
Sondern weil die eigentliche Geschichte eine andere ist.
Gefahr beginnt nicht erst an einem unbekannten Ort
Wir verbinden Gefahr gerne mit dem Fremden.
Mit einem Land, dessen Sprache wir nicht sprechen. Mit einer Stadt, deren Straßen wir nicht kennen. Mit einem abgelegenen Ort, an dem wir niemanden kennen. Mit einer Frau, die allein unterwegs ist.
Und trotzdem passiert etwas Merkwürdiges, wenn wir uns in unserer gewohnten Umgebung befinden.
Je vertrauter unsere Umgebung ist, desto weniger denken wir darüber nach, dass auch dort Dinge passieren können, die wir nicht kontrollieren können.
Eine Frau geht abends allein nach Hause.
Sie wartet an einer Bushaltestelle.
Sie fährt mit einem Taxi.
Sie geht durch ein Parkhaus.
Sie lernt jemanden kennen.
Sie geht joggen.
Sie fährt mit dem Fahrrad nach Hause.
Sie geht auf eine Party.
Sie lebt in einer Wohnung, in der sie sich eigentlich sicher fühlt.
Nichts davon klingt zunächst nach einem außergewöhnlichen Abenteuer.
Und trotzdem können ganz normale Situationen plötzlich eine andere Richtung nehmen.
Das ist etwas, das mir das Reisen immer wieder vor Augen geführt hat:
Sicherheit hängt nicht nur davon ab, ob wir zu Hause oder auf der anderen Seite der Welt sind.
„Sie hätte es doch wissen müssen“
Vielleicht ist es für uns Menschen angenehm zu glauben, dass gefährliche Situationen meistens vorhersehbar sind.
Denn dann können wir uns einreden, dass sie uns nicht passieren werden.
Ich würde dort nicht hingehen.
Ich würde nachts nicht allein unterwegs sein.
Ich würde niemals in dieses Land reisen.
Sie hätte doch wissen müssen, dass es gefährlich ist.
Damit entsteht eine scheinbar einfache Ordnung.
Wer vorsichtig genug ist, bleibt sicher.
Und wenn jemand in eine gefährliche Situation gerät, muss diese Person offensichtlich etwas falsch gemacht haben.
Aber so einfach ist die Realität nicht.
Natürlich gibt es Entscheidungen, die Risiken erhöhen. Natürlich kann man sich informieren, bestimmte Gegenden meiden und vernünftige Vorsichtsmaßnahmen treffen.
Das sollte man auch tun.
Aber selbst die aufmerksamste und vorsichtigste Person kann zur falschen Zeit am falschen Ort sein.
Man kann eine Situation nicht immer erkennen, bevor sie gefährlich wird.
Und genau das gilt nicht nur für Menschen, die reisen.
Wenn eine Frau allein reist, werden ihre Entscheidungen sichtbarer
Beim Reisen fällt mir immer wieder auf, wie schnell die Verantwortung für eine gefährliche Situation bei der reisenden Person gesucht wird.
Sie hat sich schließlich selbst entschieden, dorthin zu fahren.
Sie hat sich entschieden, allein zu reisen.
Sie hat sich entschieden, dort zu schlafen.
Sie hat sich entschieden, diesen Weg zu nehmen.
Und wenn etwas passiert, kann daraus sehr schnell die Vorstellung entstehen, sie hätte sich damit auch die Gefahr ausgesucht.
Aber eine Frau, die in ihrer eigenen Stadt Opfer einer Gewalttat wird, hat sich diese Gefahr ebenfalls nicht ausgesucht.
Eine Frau, die nach der Arbeit allein nach Hause geht, hat nicht entschieden, dass jemand ihr folgt.
Eine Frau, die in einer vertrauten Umgebung plötzlich in eine gefährliche Situation gerät, hat nicht automatisch etwas falsch gemacht.
Wir haben Kontrolle über unsere eigenen Entscheidungen. Aber wir haben keine vollständige Kontrolle darüber, was andere Menschen tun oder wie sich eine Situation entwickelt.
Dieser Unterschied ist wichtig.
Und vielleicht vergessen wir ihn manchmal, wenn wir über Frauen sprechen, die allein reisen.
Ich suche solche Situationen nicht
Dabei möchte ich etwas ganz klar sagen:
Ich reise nicht, weil ich Gefahr suche.
Ich möchte solche Situationen nicht ständig erleben.
Ich möchte nicht beweisen, wie viel ich aushalten kann. Ich möchte auch nicht irgendwann sagen können, dass jede Reise noch gefährlicher war als die vorherige.
Ich reise, weil mich die Welt interessiert.
Mich interessieren Menschen, Geschichten, Landschaften und Orte. Ich mag es, mit wenig Gepäck unterwegs zu sein. Ich mag die Freiheit, nicht jeden einzelnen Tag genau zu wissen, wie der nächste aussehen wird.
Aber Freiheit bedeutet nicht, unverwundbar zu sein.
Und Erfahrung bedeutet ebenfalls nicht, dass einem nichts passieren kann.
Vielleicht bedeutet Erfahrung vielmehr, dass man irgendwann bestimmte Warnzeichen früher erkennt.
Dass man merkt, wenn sich die Stimmung verändert.
Dass man seinem eigenen Gefühl eher vertraut.
Und dass man versteht, wann es Zeit ist zu gehen.
Aber weiß man nicht, welche Länder gefährlich sind?
Natürlich kann man sich informieren.
Und das sollte man auch.
Es gibt offizielle Reiseinformationen, Sicherheitsstufen, regionale Warnungen und Empfehlungen von Behörden. Sie können wichtige Hinweise darauf geben, welche Risiken in einem Land oder einer bestimmten Region aktuell bestehen.
Aber auch hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Es gibt nicht die eine weltweite Sicherheitsstufe, die überall nach denselben Regeln funktioniert.
Verschiedene Staaten verwenden unterschiedliche Systeme und Kategorien. Manche arbeiten mit mehreren Sicherheitsstufen, andere unterscheiden stärker zwischen Reisehinweisen, Reisewarnungen und einzelnen Regionen. Außerdem können innerhalb eines Landes ganz unterschiedliche Einschätzungen gelten.
Das ist wichtig, weil ein ganzes Land niemals überall die gleiche Situation haben muss.
Eine hohe Sicherheitsstufe bedeutet nicht automatisch, dass jeder Teil dieses Landes gleichermaßen gefährlich ist.
Und eine niedrigere Sicherheitsstufe bedeutet umgekehrt nicht, dass jede Straße, jede Situation und jede Uhrzeit automatisch sicher ist.
Deshalb reicht es nicht unbedingt, nur zu lesen:
„Dieses Land ist gefährlich.“
Interessanter ist die Frage:
Warum wird gewarnt?
Geht es um Gewaltkriminalität? Terrorismus? Entführungen? Politische Unruhen? Naturkatastrophen? Grenzregionen? Oder um etwas völlig anderes?
Und vor allem:
Wo genau besteht dieses Risiko und wie aktuell ist die Information?
Denn eine Sicherheitsstufe ist eine Orientierung. Sie ist keine persönliche Garantie.
Und dann gibt es noch die Medien
Auch Nachrichten beeinflussen unser Bild davon, wie gefährlich ein Ort ist.
Das ist verständlich.
Wenn in einem Land etwas Schlimmes passiert, wird darüber berichtet. Wenn sich die Lage zuspitzt, erscheinen die Bilder und Nachrichten vielleicht tagelang auf unseren Bildschirmen.
Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, dass ein ganzes Land ständig aus solchen Situationen besteht.
Auf der anderen Seite kann jemand, der dort lebt, sagen:
„Bei mir ist alles ganz normal.“
Auch das kann stimmen.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass eine Seite recht hat und die andere nicht.
Es zeigt vielmehr, dass ein Land aus sehr vielen unterschiedlichen Realitäten besteht.
Die Nachrichten zeigen uns Ereignisse.
Eine offizielle Reisewarnung beschreibt bestimmte Risiken.
Menschen vor Ort erleben ihren Alltag.
Und unsere eigene Situation als Reisende ist wieder etwas anderes.
Deshalb würde ich weder eine Schlagzeile noch die Aussage einer einzelnen Person als vollständiges Bild betrachten.
Ich würde mehrere Informationen miteinander vergleichen und genauer hinsehen.
Nicht nur fragen:
„Ist dieses Land sicher?“
Sondern:
„Welche Risiken bestehen dort gerade, wo ich tatsächlich hinmöchte, und wie reise ich selbst?“
Denn jemand, der in einem Hotel in einer großen Stadt übernachtet und sich hauptsächlich mit organisierten Transportmitteln bewegt, hat möglicherweise eine andere Risikosituation als jemand, der allein mit einem Rucksack unterwegs ist und spontan irgendwo ein Zelt aufstellt.
Sicherheit ist nicht nur eine Eigenschaft eines Landes.
Sie hängt auch von Ort, Situation, Verhalten, Zeitpunkt und Umständen ab.
Wir überschätzen vielleicht, wie sicher unser gewohntes Leben ist
Vielleicht ist das der Teil, über den ich am meisten nachdenke.
Ich möchte niemandem Angst vor dem Reisen machen.
Und ich möchte auch nicht behaupten, dass überall Gefahr lauert.
Im Gegenteil.
Ich glaube nur, dass wir vorsichtiger damit sein sollten, anderen Menschen ihre Sicherheit zu erklären.
Ein vertrauter Ort fühlt sich sicher an, weil wir ihn kennen.
Wir kennen die Straßen. Wir wissen, wo die Geschäfte sind. Wir kennen die öffentlichen Verkehrsmittel. Wir wissen, wie wir nach Hause kommen.
Dieses Gefühl von Vertrautheit kann unglaublich beruhigend sein.
Aber Vertrautheit ist nicht dasselbe wie Sicherheit.
Auch in einer bekannten Stadt können Situationen eskalieren.
Auch in einer vertrauten Umgebung kann ein Mensch zur falschen Zeit am falschen Ort sein.
Auch ein völlig gewöhnlicher Tag kann plötzlich ganz anders verlaufen, als man morgens gedacht hat.
Der Unterschied ist vielleicht nur, dass wir darüber zu Hause weniger nachdenken.
Wir verlassen morgens unsere Wohnung und gehen meistens davon aus, dass wir abends wieder zurückkommen.
Beim Reisen wird uns dagegen viel deutlicher bewusst, dass wir nicht alles kontrollieren können.
Wir kennen die Umgebung nicht.
Wir kennen die Menschen nicht.
Wir kennen die lokalen Besonderheiten nicht.
Und genau deshalb fühlen wir uns schneller unsicher.
Dabei ist die Welt nicht plötzlich gefährlicher, nur weil wir unseren gewohnten Ort verlassen haben.
Wir nehmen unsere eigene Unsicherheit einfach stärker wahr.
Vielleicht ist „selber schuld“ deshalb zu einfach
Wenn jemand in eine gefährliche Situation gerät, gibt uns der Satz „Sie hätte es besser wissen müssen“ eine einfache Erklärung.
Er vermittelt uns das Gefühl, dass wir selbst sicher wären, wenn wir nur die richtigen Entscheidungen treffen.
Aber das Leben funktioniert nicht immer so.
Natürlich können wir Risiken reduzieren.
Wir können uns informieren.
Wir können Warnungen ernst nehmen.
Wir können bestimmte Orte meiden.
Wir können auf unsere Umgebung achten.
Wir können uns überlegen, wie wir im Notfall wieder herauskommen.
Aber wir können nicht kontrollieren, was fünf Minuten später passiert.
Und das gilt für Reisende genauso wie für Menschen, die seit Jahrzehnten am selben Ort leben.
Vielleicht sollten wir deshalb manchmal weniger fragen:
„Warum war sie überhaupt dort?“
Und stattdessen:
„Hätte sie wirklich vorher wissen können, was passieren würde?“
Manchmal lautet die ehrliche Antwort: Nein.
Ich möchte nicht immer stärker werden
Ich glaube, lange Reisen verändern auch den Blick auf die eigene Widerstandsfähigkeit.
Man erlebt Dinge, die man vorher vielleicht für unglaublich gehalten hätte.
Und irgendwann weiß man: Ich kann mit mehr Situationen umgehen, als ich dachte.
Aber daraus möchte ich nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass ich deshalb alles schaffen muss.
Ich möchte nicht immer mutiger werden müssen.
Ich möchte nicht immer mehr aushalten müssen.
Und ich möchte auch nicht glauben, dass eine überstandene gefährliche Situation bedeutet, dass die nächste genauso ausgehen wird.
Erfahrung kann helfen.
Sie kann uns aufmerksamer machen.
Sie kann uns zeigen, wann wir besser umdrehen.
Aber Erfahrung macht uns nicht unverwundbar.
Vielleicht ist es sogar eine Form von Erfahrung, irgendwann zu akzeptieren, dass man nicht alles kontrollieren kann.
Sicherheit bedeutet für mich heute etwas anderes
Früher hätte ich vielleicht gedacht, Sicherheit bedeutet, dass nichts passiert.
Heute sehe ich das anders.
Sicherheit bedeutet für mich nicht, dass die Welt berechenbar ist.
Sie bedeutet eher, aufmerksam zu bleiben, sich zu informieren, die eigenen Grenzen zu kennen und eine Situation ernst zu nehmen, wenn sie sich verändert.
Und manchmal bedeutet Sicherheit ganz einfach, zu gehen.
Nicht, weil man feige ist.
Nicht, weil man die Welt nicht aushält.
Sondern weil man nicht beweisen muss, dass man eine gefährliche Situation überstehen kann.
Ich möchte weiterhin reisen.
Nicht, weil ich glaube, dass mir nichts passieren kann.
Sondern weil ich akzeptiert habe, dass man nicht alles vorhersehen kann.
Ich kann nur versuchen, aufmerksam zu sein.
Ich kann mich informieren.
Ich kann Risiken abwägen.
Ich kann meinem Gefühl zuhören.
Und wenn sich etwas verändert, kann ich meine Richtung ändern.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich vom Reisen mitgenommen habe:
Wir haben mehr Kontrolle über unsere Entscheidungen als über die Welt, in der diese Entscheidungen stattfinden.
Und vielleicht sollten wir genau deshalb vorsichtig sein, wenn wir über andere Menschen urteilen.
Eine Frau mit Rucksack, die irgendwo auf dieser Welt in eine gefährliche Situation gerät, hat sich nicht automatisch selbst dorthin gebracht.
Genauso wenig wie eine Frau, die abends in ihrer eigenen Stadt nach Hause geht.
Wir können vorsichtig sein.
Wir können vernünftige Entscheidungen treffen.
Wir können Risiken reduzieren.
Aber wir können nicht alles vorhersehen.
Und vielleicht ist genau das etwas, das uns alle miteinander verbindet – egal, ob wir mit einem Rucksack durch die Welt reisen oder seit zwanzig Jahren in derselben Straße leben.


